REISEN VS. ERLEBEN
Reisen ist nicht gleich erleben, zumindest nicht zwingend. Wie oft habe ich schon von Leuten zu hören bekommen, wo sie überall waren, doch wenn ich dann etwas genauer nachgefragt habe, hatte mein Gegenüber nicht wirklich eine Ahnung über die Kultur, die Geschichte oder zum Teil sogar über das Essen des Landes. Gut, manchen gefällt es in einem fremden Land zu sein, dann aber doch alles wie Zuhause vorzufinden und wehe es gibt hier keine Rösti mit Zürigschnätzlets (Denn ein Fondue bei über 30°C wäre wohl im Urlaub doch etwas zu viel verlangt). Natürlich hat man dann schon etwas erlebt, nämlich dass man auch in der Ferne möglichst so leben kann wie daheim. Aber geht es beim Reisen wirklich darum?

Manchmal kommt es mir so vor als wolle jeder schon überall gewesen sein, aber keiner will so wirklich etwas Ungewohntes und Neues - geschweige denn eine fremde Kultur erleben. Reisen? Ja unbedingt, aber bitte nicht ausserhalb meiner Komfortzone, sonst wird hyperventiliert.

Klar, jeder muss für sich selbst entscheiden, wie viel Neues er aus welchen Gründen auch immer auf seiner Reise zulässt. Ich schreibe das hier nicht um über andere zu urteilen. Was ich tatsächlich damit bezwecken will ist ganz einfach mal in sich zu fühlen und ehrlich zu sich selbst zu sein.

BEWUSST REISEN
Für mich hat diese Ehrlichkeit sich selbst und den eigenen Gefühlen, sowie Zielen gegenüber sehr viel mit bewusstem Reisen zu tun: Was habe ich während meiner letzten Urlaube viellicht nicht gewagt, was ich hätte wagen sollen? Was habe ich dadurch verpasst? Habe ich die Kultur des Landes tatsächlich erfahren können und zwar mit allen Sinnen? Oder bin ich vielleicht aus Bequemlichkeit doch lieber in meiner scheinbar so sicheren Komortzone geblieben?

Ich selbst stelle mir diese Fragen mittlerweile vor jeder Reise, denn ich kenne mich gut. Ich weiss wie weit ich gehen kann, wie weit ich meine Komfortzone verlassen kann und wo meine Grenzen dann entgültig erreicht sind. Mehr über fremde Kulturen zu lernen, einiges persönlich erleben - das ist mir wichtig. Ich war noch nie ein Fan von husch, husch einen Ort besuchen. Durch möglichst viele Länder zu reisen nur um dort gewesen zu sein, daran finde ich einfach kein Gefallen.

Für mich bedeutet reisen gleichzeitig  persönliches Wachstum, sei dies kulturell oder spirituell - im besten Fall ist es etwas von beidem. Da kann ich mich mit einem zweitägigen Shoppingtripp weiss ich wohin oder irgendwo Pary machen einfach nicht zufrieden geben. Wenn ich mir dann vor meinen Reisen jeweil die oben gestellten Fragen beantworte, dann weiss ich, dass mein Potential darin liegt sie so zu gestalten, dass ich nicht nur reise, sondern mit all meinen Sinnen erlebe.

WIE WIRD EINE REISE ZU EINEM ERLEBNIS?
Mit ehrlichem Interesse, Offenheit und einer guten Portion Beharrlichkeit. Wenn ich interessiert bin während meiner Reise etwas zu erleben, dann bereite ich mich schon mal ganz anders darauf vor. Vielleicht übers Interenet oder mit Hilfe eines Buches. Vielleicht kenne ich jemanden, der aus meinem Reiseziel stammt, oder jemanden, der schon oft dort war. Ich habe aber auch gelernt, dass ich mit meiner Weltoffenheit einem echten Erlebnis immer ein ganzes Stück näher bin. Ich bereite mich daher nicht nur vor, ich lasse mich auch ein Stück weit von Ideen und Inputs leiten.
 
Ein dritter wichtiger Punkt, der mich während meiner Reisen in Sachen Erlebnis schon oft weit gebracht hat ist Beharrlichkeit. Als ich vor etwas über einem Jahr geschäftlich nach Kuala Lumpur fuhr, hat sie mich davor bewart einer dieser oft typischen: "ich bin zwar eine Woche dort, bekomme aber doch nichts zu sehen Trips. Furchtbar!

Als ich dort ankam habe ich meine Arbeitskollegen und Leute aus dem Hotel gefragt,was ich denn nach meinem Arbeitstag und am Wochenende unternehmen könnte, was es hier möglichst autentisches zu erleben gäbe. Die Antwort war allerdings eher ernüchternd: Petronas Towers und Shopping Malls -  keine goldigen Aussichten für jemanden mit dezenter Shoppingflucht und einer etwas weniger dezenten Höhenangst (obwohl ich mich am Ende trotztem hinauf gewagt habe). Es konnte doch nicht sein, dass man in einer Stadt wie Kuala Lumpur nichts weiter tun konnte als DAS.

Also habe ich das ganze selbst in die Hand genommen. Da ich an der Kultur, Natur und an den hiesigen Tempeln interessiert war, habe ich mich kurzerhand dazu entschlossen mich selbst schlau zu machen. Ich hatte von einem berühmten Hindu Tempel gehört, der sich in Kalksteinhölen, etwa eine halbe stunde ausserhalb der Stadt befand. Der Hinduismus ist in Malaysia zwar nur die viertgrösste Religion was etwa 9% der Bevölkerung ausmacht, dennoch klang dieses aussergewöhnliche Konstrukt für mich sehr spannend und da ich im Büro mit vielen indischstämmigen Kollegen zu tun hatte, würde ich hier bestimmt mehr informationen darüber erhalten und genau so war es. Als meine Kollegen bemerkten, dass mein Interesse nicht nur oberflächlich sondern echt war, waren sie mehr als erfreut mich in ihre Kultur, Essgewohnheiten und die Geschichte des Tempels einzuweihen. Alles, dank meiner Beharrlichkeit.

Natürlich ist das nur eines von vielen Beispielen, die eine Reise zu einem Erlebnis machen können. Es ist aber auch ein sehr schönes Beispiel dafür was alles möglich ist, wenn einem wirklich etwas am Herzen liegt. Für mich hat sich die Reise schlussendlich, trotz des Zeitmangels und anfänglicher Schwierigkeiten, auf jeden Fall gelohnt.

Meinen Ausflug zu den Petronas Towers, in die Petaling Street und ins typisch malaiische Viertel Bukina Bitang findet ihr übrigens in meinem Blogpost 5 Dinge die du in Kuala Lumpur erleben solltest. Meine Reise zum Hindutempel in den Batu Caves findet ihr in meinem Post über Murugans Höhlen und meinen Besuch eines authentisch südindischen Restaurants mit meinen indischen Kollegen findet ihr unter meinem Restaurant-Tipp: Betel Leaf.

Jetzt bleibt mir eigentlich nur noch die Frage wie  ihr eure Reisen jeweils zu einem Erlebnis macht? Beziehungsweise: Reist ihr noch oder erlebt ihr schon?
Der Norden Schottlands ist geprägt von weiten Moorlandschaften und zum Teil von wunderbaren Laub- und Nadelwäldern. Berühmt ist die Gegend vor allem aber auch für ihre zerklüftete Landschaft mit ihren vielen Lochs, so wie die Seen hier genannt werden. Eines dieser Lochs ist wohl das berühmte Loch Ness, doch wer sich allein damit zufrieden gibt, verpasst meiner Ansicht nach noch viel schönere Lochs der Gegend. Mein Favorit? Das Loch Duitch worüber das berühmte Eilean Donan Castle thront - für mich definitiv ein Highlight. Noch dazu bietet der Besuch dieses Lochs gleichzeitig eine gute Mölichkeit weiter entlang des Loch Alsh und bis zur berühmten Isle of Skye zu gelangen.

EIN ABENTEUER OHNE FILTER
Auf Syke befinden sich viele zauberhafte Orte, unter anderem auch der Old Man of Storr. In einem früheren Blogpost habe ich diesen sehr bekannten Landschaftsstrich der Insel als Obelix Hinkelstein bezeichnet, weil er mich an genau das erinnert und tatsächlich ist die Ähnlichkeit kaum zu leugnen. Gut, es ist ein sehr grosser Hinkelstein, doch das ändert nichts an seiner doch sehr verdächtigen Form.

Als ich vor ziemlich genau zwei Jahren zum letzten Mal in Schottland war, habe ich mit meinen Lieben das erlebt, was ich gelegentlich als "Abenteuer ohne Filter" bezeichne. Ihr wisst schon, eines dieser Erlebnisse, das wohl keine Bilder für den nächsten Reisekatalog hergibt, einem dafür aber so viel mehr gibt, als das schönste Urlaubsheft es je könnte. Um ehrlich zu sein sind das für mich oftmals die echtesten Erlebnisse. Eine Echtheit, die mir im Internet und vor allem auf Reiseblogs viel zu oft fehlt.

Natürlich liebe ich schöne Urlaubsbilder, doch gerade wenn man sich spontan in ein Abenteuer begibt, hat man nicht immer Zeit beim "richtigen" Wetter am pefekten Ort aufs passende Licht zu warten um ein Foto zu schiessen, das im nächsten Hochglanzheft erscheinen könnte.

THE OLD MAN OF STORR
Nun, meine Reise zur Isle of Skye im nordwesten Schottlands war so ein Abenteuer. Eines, das ungeplant vonstatten ging und so bestimmt von keinem Reisemagazin veröffentlicht würde, erst recht nicht mit den Bildern, die ich davon mit Nachhause gebracht habe. Doch genau dieser spontane Entscheid den Old Man of Storr aufzusuchen, den Berg voller Matsch und trüber Umgebung zu erklimmen, genau das macht dieses Erlebnis so wertvoll.

Damals haben wir uns noch am Ankunftstag auf der Insel auf Erkundungstour begeben und als wir am Fuss der berühmten Felsformation standen, konnten wir es einfach nicht lassen. Obwohl wir absolut unvorbereitet dort standen, noch nicht mal die Wanderschuhe mit dabei hatten, wollten wir es wissen. Klar, als Schweizer kann einem so ein bisschen Berg nichts anhaben. Trotzdem, mein persönliches Ziel, nämlich ganz oben zu stehen um diese berühmte Aussicht zu geniessen, habe ich bei der damaligen Reise nicht erreicht.

Nach gut einer Stunde bergauf, gelangten wir zur berühmten Felsformation. Um das perfekte Foto schiessen zu können, hätten wir jedoch nochmals etwa eine Stunde weiter hoch gehen müssen. Der Wind blies noch immer stark, die Wolken hingen tief, sodass wir nicht wussten ob wir überhaupt etwas sehen würden. Noch dazu kam, dass wir anhand der spontanen Entscheidung den Old Man of Storr zu erklimmen leider nicht die richtigen Schuhe mit dabei hatten. Ein amerikanisches Päärchen, welches uns entgegen kam bestätigte, dass wir weiter oben mit diesen Schuhen zu sehr im Matsch einsinken würden, weshalb wir schweren Herzens die Rückkehr antreten mussten.

Nun, auch das gehört eben manchmal zu spontanen Abenteuern mit dazu. Mein Bild, das ich mir insgeheim schon im Kopf ausgemalt hatte, würde dieses Mal wohl nicht entstehen. Etwas enttäuscht war ich auf den ersten Moment natürlich schon. Wenn ich jetzt, zwei Jahre nach diesem Ausflug an diesen Tag zurückdenke, muss ich allerdings schmunzeln. Wir haben gemeinsam etwas erlebt, was kein noch so gutes Foto hätte einfangen können. Wir haben gemeinsam beim Erklimmen des steilen Weges gekeucht, wir haben zusammen gelacht uns ein bisschen gemeinsam darüber genervt es nicht bis ganz nach oben geschafft zu haben und wir haben uns darüber amüsiert alle dieselbe, zerzauste Frisur abbekommen zu haben. Fotos gab es natürlich trotzdem, nur eben ungefiltert und äusserst authentisch.


Mir persönlich ist Authentizität sehr wichtig, nicht nur während meiner Reisen, auch hier auf dem Blog. Manchmal spielt das Wetter nicht mit, man ist vielleicht nicht zum richtigen Zeitpunkt dort oder hat, wie wir damals ganz einfach nicht die richtige Ausrüstung mit dabei. Doch das alles is im Grunde genommen ohnehin nebensächlich, zumindest dann wenn man bereit ist den Moment voll und ganz zu geniessen.

Erlebnisse wie diese erinnern mich dafür immer wieder daran, dass es mehr als nur eine Seite zu betrachten gibt. Dieses Abenteuer hat uns durch eine sagenumwobene Landschaft geführt, durch die Natur, die sich uns keinesfalls anpassen wird und das ist auch gut so. Solche Ausflüge bieten einer Künstlerseele und einem Fotoheini wie mir die Gelegenheit nicht immer etwas erschaffen zu müssen, sondern inne zu halten und zu geniessen. Während meinem Aufstig auf den Old Man of Storr habe ich gelernt, dass nicht das perfekte Urlaubsfoto dieses Abenteuer so wertvoll macht, sondern das, was in diesem Moment alles auf mich gewirkt hat. Der Wind, der Regen, das gemeinsame Abenteuer - ich habe mit allen Sinnen erlebt und ich habe mich so richtig lebendig gefühlt. Ein Gefühl, das kein Foto vermitteln kann.