Die Geschichte eines Zurzacher Originals

by - November 27, 2015



Als ich mich vor ein paar Wochen an einem Samstagmorgen auf den Weg in meine Heimatstadt Zurzach machte, glaubte ich den Inbegriff dieses Wortes zu kennen. Tatsächlich aber sollte ich seine wahre Bedeutung an diesem Tag erst noch kennen lernen.

Ich war dabei, mich einer Gruppe von Menschen anzuschliessen, die sich dazu bereit erklärt hatte, bei der Räumung eines alten Hauses zu helfen. Schön und gut, werdet ihr jetzt sagen, doch was ist daran so speziell? Schliesslich werden tagtäglich Häuser geräumt.Nun, um euch die Bedeutung dieses einen Hauses näher zu bringen, muss ich euch erst von dessen Besitzer erzählen.


Herr Bächle besass einen Kolonialwarenladen, der im ganzen Flecken bekannt war. Bächle war ein dünner, alter Mann und lief, seit ich denken konnte, immer mit gebückter Haltung. Als Kind fand ich ihn teilweise etwas unheimlich, muss ich gestehen. Später jedoch merkte ich, welch freundlicher Mensch er war. Wenn ich ihn so vor meinem geistigen Auge sehe, dann trägt er sein Béret und den Arbeitskittel. Ich sehe ihn, wie er in seinem Laden steht und die Kunden begrüsst. Doch Herr Bächle weilt mittlerweile leider nicht mehr unter uns und nun stand dieses geschichtsträchtige Haus leer.

Oder besser gesagt, eben nicht – es sollte aber leer geräumt werden.  Da stand ich also voller Tatendrang vor dem alten Haus in der Hauptstrasse und mischte mich unters Aufräumvolk. An diesem Samstag, der übrigens schon der dritte dieser Aufräumaktion war, halfen rund 20 Personen mit. Mein Vater hatte mich vorgewarnt, dass es eine ziemlich staubige Angelegenheit werden würde, doch was uns da wirklich erwartete, damit hatte zu Beginn wohl keiner gerechnet.

Die Kurzfassung? Staub, Staub und, na ja, noch mehr Staub. Ich denke, das fasst die Situation ganz gut zusammen, und dieser Staub bedeckte Unmengen von Kram, Nützliches und Nutzloses gleichermassen.

Die etwas längere Fassung? Die Eingänge waren so mit allen möglichen Dingen vollgestopft, so dass man erst mal alles wegräumen musste, um überhaupt ins Innere des Hauses zu gelangen. Je weiter das Haus aufgeräumt war, desto mehr wunderten wir uns, wie um alles in der Welt so viel in dieses von Aussen unscheinbare Haus passte. Wenn ich sage, da gab es alles, dann meine ich auch wirklich alles: Von einfachen Einmachgläsern über alte Wannen und Wurstmaschinen bis hin zu ganz zauberhaften Öllämpchen – ja sogar einen alten Rollstuhl fanden wir, und einen Grabstein im Garten.

Um alles aufzuzählen, würde ich wohl den ganzen Tag brauchen, aber ich kann euch sagen, es war viel und es war spannend. Doch damit nicht genug: Am meisten beeindruckt hat mich das enorme Wissen von Herrn Bächle. Gewisse Dinge hat er sich sogar an die Kacheln seiner Küche geschrieben, um Wichtiges nicht zu vergessen. Diesen Trick werde ich mir merken, vielleicht kann ich mir meine Termine so ab jetzt auch besser merken…

 So hiess es also Ärmel hochkrempeln und anpacken. Während mehrerer Wochenenden waren immer wieder Leute da, um mitzuhelfen. Es wurde umgeräumt, aussortiert und aufpoliert – solange, bis alles wieder präsentierbar war. Ich muss zugeben, ich war begeistert, wie tatkräftig die Leute mitgeholfen haben.

Wem Paul Bächlebekannt war – und das war oder ist er wohl fast jedem Zurzacher – weiss von seiner Einzigartigkeit zu berichten.

Doch nicht nur er selbst, auch sein Laden, war einmalig. Sobald man ihn betrat, befand man sich in einer wundersamen Welt des geordneten Chaos. Was ich wohl in 100 Jahren nicht gefunden hätte, fand Herr Bächle innert kürzester Zeit. Du brauchtest eine bestimmte Schraube? Bächle fand sie, und du gingst zufrieden deines Weges, dich selbst fragend, wie er das bloss wieder gemacht hatte. Ja, wie um alles in der Welt war er in der Lage, alles innert kürzester Zeit zu finden, sogar die kleinste Schraube? Nun, das wir wohl sein Geheimnis bleiben. Wie sagt man so schön? Das Genie überblickt das Chaos und genau so war es.
Wenn ich heute darüber nachdenke, dann erinnert er mich ein wenig an Mr. Olivander aus der Harry Potter Buchreihe: Sein Laden, der Mensch, die Atmosphäre – alles war wirklich einzigartig – ein Unikat eben, ein Zurzacher Original.
Überzeugt euch selber – vom 4. bis 6. Dezember

Wenn während des Weihnachtsmarktes die Türen zu Bächles Laden  für einen letzten Ausverkauf geöffnet werden, erhalten wir alle die Chance, diesen Zauber noch ein letztes Mal zu erleben: Wer im alten Kolonialwarenladen nochmals vorbeischauen möchte, darf dies gerne tun, und zwar vom 5. und 6. Dezember 2015! Diesen Flohmarkt sollte man sich nicht entgehen lassen!

PS: Die Fotos sind von meinem Vater und mir gemacht worden :)

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5 Kommentare

  1. Liebe Nicky Ardin
    Danke für den wunderbaren Bericht über Herrn Bächli in seinem Kolonialwarenladen. Sofort taucht man in eine Welt ein und erwartet Aufregendes. Wo ist denn der Laden genau und ab wie viel Uhr findet der Flohmarkt statt? Ach ja, tolle Website hast du. Herzlicher Gruss und ein schönes erstes Adventwochenende, Heike

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    1. Liebe Heike,

      Vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Von 4. bis 6. Dezember findet in Bad Zurzach der Weihnachtsmarkt statt, während dieser Zeit ist auch der Flohmarkt geöffnet und zwar direkt in Herrn Bächlis altem Laden an der Hauptstrasse (schräg gegenüber der Raiffeisenbank)

      Auch dir ein zauberhaftes erstes Adventswochenende.

      Herzliche Grüsse
      Nicky

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    2. Liebe Nicky
      Das ist ja toll, danke für die rasche Antwort.
      Herzlichst, Heike

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  2. Ach, das ist ja richtig rührend... und spannend, gleichermaßen. Danke für´s Mitnehmen und dass Du ihn noch ein wenig bekannter gemacht hast, über die Grenzen des Ortes hinaus.... <3

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    1. Vielen Dank, ja es ist immer spannend solche etwas über solche Unikate, wie Herr Bächle es war zu erfahren. :)

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